Angela Anzi · Nicl Barbro · Saskia Senge · Gesa Troch · Torben Wessel
Eröffnung: Freitag 17.09.2021 um 19-21 Uhr
Ausstellung: 18.09. – 03.10.202
Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 15-18 Uhr
Die Wüste gilt als Sinnbild eines einsamen Ortes, an dem uns niemand spiegelt und sich Rollengefüge und eigene Masken auflösen. In der Einsamkeit und in Isolation bleiben soziale Funktionen und Interaktionen aus. Facing the Desert bearbeitet mit der Metapher der Wüste Fragen eigener Demaskierung, äußerer Abschirmung und mysteriöser Begegnungen: Welche gedanklichen Welten offenbaren sich in einer öden, brachliegenden Landschaft? Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn das Gegenüber fehlt? Können wir nur uns selbst entlarven bzw. demaskieren oder braucht es ein Gegenüber um entlarvt zu werden? Mittels bildhauerischer, malerischer und zeitbezogener Methoden komponieren Angela Anzi, Nicl Barbro, Saskia Senge, Gesa Troch und Torben Wessel aus jeweils eigenen Narrativen eine gemeinsame raumgreifende Inszenierung. Während C-3PO über den Wüstenplaneten in Star Wars bemerkt: „What a desolate place this is!“ widmet sich Facing the Desert künstlerischen Strategien zur Überwindung wüster Umstände.
Facing the desert
Ein Vorwort
Angela Anzi, Nicl Barbro, Saskia Senge, Gesa Troch und Torben Wessel haben die Wüste als Ausgangspunkt ihrer gemeinsamen Ausstellung gewählt. Von hier aus gesehen ein komplexes Bild von Öde und Brachlandschaft, von freiwilligem Rückzug und Isolation aber auch erzwungener Verlorenheit und endloser Ausdehnung, in der alle Bezugspunkte abhanden kommen. Menschenleer und aus westeuropäischer
Perspektive unbewohnbar, ohne Orientierung, ohne Gegenüber und ohne Sprache versinnbildlicht die Wüste oftmals einen Ort, an dem Mensch auf sich selbst zurück geworfen wird: in Abwendung von einem
problematischen Hier und Jetzt, in einer positiven oder negativen Sensibilisierung der Wahrnehmung des Selbst. Die Wüste ist ambivalent. Katastrophe und Hoffnungsträger, wie die Pandemie. Der Heilige Antonius
ging in die Wüste um Gott zu finden, fand aber Dämonen.
Die Ausstellung taucht das Künstlerhaus Sootbörn in einen Dämmerzustand. Das gedimmte Licht wird immer dann aufgeweckt, wenn ein Flugzeug startet und über das Künstlerhaus fliegt. Der Soundtrack im Foyer verbindet Flugzeug- und Wüstengeräusche, Popcornkauen, Ambient und das Homeoffice. Beide verbinden das Innen und das Außen und erweitern die Künstlichkeit und die vermeintlich natürliche Logik des
Ausstellungsraums (hell ausgeleuchtet und fokussiert) in eine heterotopische Ortlosigkeit. In sie dringen Zeichen und Signale ein.
Diese Ausstellung ist rhythmisch. Der Soundtrack „present present absent (bonus track)“ von Torben Wessel und Saskia Senge dringt vom Foyer bis in den Ausstellungsraum. Er ist immer dann zu hören, wenn Angela Anzis Skulptur still ist. Der Soundtrack setzt die Stimmung und die Zeitlichkeit. Diese entsteht weniger im Sinne konkreter Information als durch das klangliche Versetzen an oder entfernte Aufrufen von Orten und Ereignisse. Ein Soundtrack für einen Film ohne Film, der sich in sich selbst stülpt und Popcorn kauend zum Beobachter seiner selbst wird. In den Soundtrack drängen sich Quietschen und Magenknurren und ein gelegentlicher Rülpser. Sie kommen aus einer Monster Energy-Dose, die eine der beiden Protagonistinnen von Saskia Senge in der Hand hält und mit denen man in den Raum eintritt. Diese verdaut physisch, die andere Protagonistin, beide sind Schaufensterpuppen, psychisch: in ihrer Hand hält sie ein Buch von Maurice Blanchot mit dem Titel „Warten / Vergessen“.
Rechts daneben flackern Farbfelder über LED-Panels. Geht man an ihnen vorbei, ist kaum etwas Konkretes zu erkennen. Die Hauptinformation der Videoarbeit von Torben Wessel mit dem Titel „hneƃā“ ist zunächst, dass etwas geschieht bzw. in Bewegung ist, sich Einzelteile zu etwas zusammenzufinden versuchen.
Dann beginnt Angela Anzis Keramik zu flöten. Laut, rhythmisch. Elektronisch gesteuert spielt der angeschlossene Lüfter alle 8 Minuten verlässlich die immer gleichen Töne. Dazwischen klackert der Lüfter wie ein Herzschlag, durch das Flexrohr wird Luft gepumpt und es bewegt sich im selben Rhythmus, technisch und organisch zugleich. wobei organisch hier auch an das Menscheninnere denken lässt. Weder Soundtrack noch Magenknurren sind jetzt zu hören. Dann wird es wieder still und die anderen Geräusche werden wieder hörbar.
Der andere Rhythmus der Ausstellung ist der Wechsel zwischen hell und dunkel. Die Arbeit „Latency“ ist eine Kooperation zwischen Saskia Senge und Stefan Hübner. Wenn ein Flugzeug auf der benachbarten Startbahn abhebt, spätestens aber alle 10 Minuten, wird das Licht hochgefahren. Danach wird es über einen Zeitraum von sieben Minuten wieder mehr oder weniger kontinuierlich abgedimmt. Der Moment der Helligkeit ist plötzlich. Das Dimmen ist weniger abrupt. Eine Zeit lang fällt das Rückfallen in den Dämmerzustand kaum auf, dann wird es wieder merklich evident. Latency ist die Zeit, die zwischen einem Ereignis und einer Reaktion eintritt. Ich bin versucht hier weniger die Reaktionszeit des Lichts als meine eigene gemeint zu sehen. Das Licht wird aufgeweckt, ich aber auch. Meine Betrachtungsrhythmen und meine Aufmerksamkeit wandeln sich.
Am Ende des Raums, schräg gegenüber von den beiden Schaufensterpuppen lehnt Nicl Barbros Skulptur „swing-high“ an der Wand. Sie sieht aus wie eine Saloontür: zwei Schwingblätter, die nur einen Teil der Öffnung verdecken. Diese Türblätter sind geschnitzt und blicken in den Raum wie zwei Augen. Der Türrahmen, in dem sie hängen, ist eigentlich ein verbundenes Stelzenpaar. Die Holzpantoletten und die papiernen Beinstulpen suggerieren ihre Benutzung und eine genau festgelegte menschliche Präsenz, nutzbar sind sie aber natürlich nicht, schon deshalb, weil sie in der Doppelfunktion als Türrahmen statisch sind. Auch die Saloontür öffnet sich nicht, in beiden liegt eher die Potenz einer Dynamik, die ins Ungewisse führt und auf Widerstände trifft: auf Material, auf Wände, auf Ängste.
Diese ambivalente Latenz ist auch Teil von Gesa Trochs „Hold On – Let Go (Ambivalent Feelings)“. Die Silikonabformungen von Computertastaturen, die über zwei Plexischeiben drapiert sind, legen nahe, diese als Screens zu verstehen. Sie sind mit Glasfarbe blurry und in repetitiven Schleifen bemalt. Informationen sind hier keine zu finden, eher auf Hanne Darboven und Andere verweisende Referenzen, die wiederholende Bürotätigkeiten von Frauen in den 1960er und 70er Jahren in ihren Arbeiten aufgegriffen haben. Konkrete Spuren von Zeichen finden sich nur auf den Tastaturabformungen, die Gesa Troch als potentielle Endlosschlange ebenfalls aneinander gereiht hat. Einerseits weil diese klar als Gegenstand zu erkennen sind, andererseits aber auch, weil sich Buchstaben, Zahlen etc. auf einigen zumindest deutlich zeigen. Im Verlauf der Abformungsarbeit aber sind sie nach und nach unsichtbar geworden und die Tastaturen um ihr kommunikatives Beziehungspotential entleert. Die Plexiscreens hängen statisch an Metallbändern von der Decke. Das wirkt auch vielleicht deshalb so eindrücklich, weil die Silikontastaturen so erschlafft sind. Das Gewicht des Silikons und implizit das Gewicht von Arbeit, digitaler Kommunikation, Isolation und Körpernegation drücken einen Screen in Schieflage.
Von rechts seufzt mir eine zweite Schnitzarbeit von Nicl Barbro zu. Oder sie schreit, in jedem Fall steht das Gesicht Kopf. Anders betrachtet grinst mir das maskenartige Kippbild comichaft und leicht schizophren zu. Der Energydrink rülpst und knurrt immer noch.
Mit mehr Abstand betrachtet, lassen sich hin und wieder Gesichter in Torben Wessels Videoloop erahnen, vordergründig erscheint aber noch immer eine Masse von verschwommener Information aus Farbwolken und verpixelten Formen. Wessel hat neuronale Netzwerke trainiert, Bilder von gähnenden Menschen zu erkennen und selbst zu produzieren. Diese Bilder hat er anschließend nach Form und Farbe sortieren und als neues fortlaufendes Bild entstehen lassen. Die kontinuierliche Flut der Information, ihre Ablenkungs-, Ordnungs- und Kontrollprinzipien rastern sich auf bis zur Unkenntlichkeit und generieren darin ihre selbstbezügliche Notwendigkeit, die Mark Fisher als Zustand von Anxiety benennt. Das Video „hneba“ verkehrt diesen in ein Dauerdämmern aus Gähnen und Gähnen und noch mehr Gähnen. Während Torben Wessel an seinem Video arbeitete, wurde bekannt, dass Amazon ebenfalls ein neuronales Netzwerk mit Gähnen trainiert hat. Es wird in der Mitarbeiterüberwachung eingesetzt und somit das Gähnen zurück in den Zwang zur Produktivität überführt.
Die „Jet / Lag“ betitelten Schaufensterpuppen von Saskia Senge tragen Schlafmasken und das, was Saskia horizontale Kleidung nennt. Um die Hälse liegen Nackenhörnchen, damit es sich auch im Vertikalen ohne Nackenstarre schlafen lässt. Ihre Beinhaltung ist eigentlich auf Bewegung ausgelegt. Schaufensterpuppen repräsentieren in der Regel stillgestellte Belebtheit, die hier durch Keile, Türstopper und die fragile Standsituation in eine unsichere Stasis gerückt wird. Die beiden Puppen sind anwesend und abwesend zugleich. Ihrer Umgebung durch die Schlafmasken entrückt sind es vor allen Dingen die Accessoires, die sie zu Protagonistinnen werden lassen. „Jet / Lag“ verweist auf Eingriffe in die inneren Rhythmen des Körpers und verschobene Zeitlichkeiten – durch Energy Drinks und durch das Warten auf Ankunft an einem anderen Ort, um aus der Distanz oder aus dem Vergessen eine neue Nähe im Erinnern zu finden, wie Blanchot beschreibt. Noch aber stehen die Zeichen auf Schlaf.
Obwohl die Skulptur „Ventilation“ von Angela Anzi erneut zu pfeifen beginnt.
Zwei keramische Körper erzählen von einer rhythmisch wiederkehrenden Potenz. Ist es oft Anzis eigener Körper, der ihre Objekte aktiviert, ist es hier gerade der automatisierte Prozess und das unerwartete los Tönen, in dem sie sich realisiert. Die Objekte liegen im Raum wie Steine. Der Schlauch und seine pulsierenden Bewegungen steht im vermeintlichen Widerspruch zu ihrer Statik. Das eine Objekt regelmäßig tönend, das andere still und wartend.
„Facing the desert“ ist als Gruppenausstellung hoch interessant. Der mäandernde Rundgang ist von Zeichen und Signalen bestimmt, vom gemeinsamen Tönen und Übertönen, das gleichzeitig ein Rufen nach Reaktion ist. Sie entwickelt sich weniger narrativ anhand der einzelnen Arbeiten als in der Leere, in der sie sich gemeinsam verorten und das Zusammenzählen von eins zu eins zu eins zu eins zu eins macht fünf verhindern. Je nach Licht- und Klangsituation verändert sich die Wahrnehmung maßgeblich. Die gesellschaftliche Trägheit, die vielleicht überhaupt nur die Wüste als Chance wahrnehmen kann, zerfällt in einzelne Komponenten, ohne den Halt aneinander zu verlieren und verkehrt so die Trägheit in eine fortwährende latente Potenz.
Annette Hans